1. Meine klinische Erfahrung mit akuter Prostatitis
In meiner urologischen Praxis in Rhodos ist die akute bakterielle Prostatitis einer der haeufigsten urologischen Notfaelle. Im Gegensatz zur chronischen Prostatitis entwickelt sich die ABP innerhalb weniger Stunden mit einem systemischen Infektionsbild, das sofortiges Handeln erfordert.
Meine drei Grundprinzipien (EAU 2025)
- Urinkultur VOR jeder Antibiotikagabe. Die empirische Gabe ohne Kulturprobe macht gezielte Therapie unmoeglich, wenn das Erstantibiotikum versagt.
- Fruehzeitiges Erkennen einer Urosepsis mit dem qSOFA-Score - unverzichtbar in den ersten Stunden.
- Rationaler Antibiotikaeinsatz (Antimicrobial Stewardship): Fluorchinolone sind aufgrund zunehmender Resistenzen und EMA/MHRA-Einschraenkungen nicht mehr die automatische erste Wahl.
2. Was ist ABP & Pathogenese
ABP entsteht, wenn Krankheitserreger - hauptsaechlich aus dem Harntrakt oder der Darmflora - in das Prostataparenchym eindringen und sich vermehren und eine akute Entzuendungsreaktion ausloesen. Normalerweise besitzt die Prostata Abwehrmechanismen (antibakterielles Prostatasekret, Zink, IgA), die jedoch versagen, wenn die Keimlast hoch ist oder ein beguenstigender Faktor vorliegt.
Infektionswege
Aufsteigende urethrale Infektion
Der haeufigste Weg - Bakterien steigen aus der Harnroehrenflora auf.
Rueckfluss infizierten Urins
In die Prostatagaenge aus der Harnroehre.
Direkte Einbringung nach urologischen Eingriffen
Katheterisierung, transrektale Prostatabiopsie, Zystoskopie. Die transperineale Biopsie eliminiert dieses Risiko nahezu.
Haematogene Streuung
Aus einem entfernten Infektionsherd - selten.
3. Risikofaktoren & Erreger
Erreger
ABP wird ueberwiegend durch Gram-negative Enterobacterales verursacht, wobei Escherichia coli der Haupterreger ist (60-80 %). Weitere haeufige Erreger:
- Klebsiella pneumoniae
- Proteus mirabilis
- Pseudomonas aeruginosa (besonders bei nosokomialen Infektionen oder nach urologischen Eingriffen)
- Enterococcus spp.
- Bei sexuell aktiven jungen Maennern: Neisseria gonorrhoeae, Chlamydia trachomatis, Mycoplasma genitalium
Risikofaktoren
| Risikofaktor | Mechanismus |
|---|---|
| Benigne Prostatahyperplasie (BPH) | Harnstase beguenstigt bakterielles Wachstum |
| Kuerzliche Blasenkatheterisierung | Mechanischer Keimlasttransport |
| Kuerzliche transrektale Prostatabiopsie | Direkte Keimeinbringung ins Parenchym |
| Wiederkehrende Harnwegsinfektionen | Chronisch kolonisierte Flora |
| Diabetes mellitus / Immunsuppression | Verminderte bakterielle Abwehr |
4. Symptome & Klinisches Bild
ABP ist durch einen schnellen Beginn (innerhalb von Stunden) und eine Symptomentrias gekennzeichnet:
4.1 Systemische Symptome
- Hohes Fieber (>38,5 C) mit Schuettelfrost.
- Allgemeines Krankheitsgefuehl, Myalgien, Arthralgien.
- Uebelkeit oder Erbrechen bei schweren Verlaeufen.
- Tachykardie und Tachypnoe - Warnsignale einer Urosepsis.
4.2 Symptome des unteren Harntrakts (LUTS)
- Dysurie: starkes Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen.
- Haeufiger Harndrang und Drangsymptome.
- Nykturie.
- Schwacher Harnstrahl oder Miktionsschwierigkeiten - moeglicherweise bis zum akuten Harnverhalt.
- Makrohämaturie in einigen Faellen.
4.3 Lokale Beckensymptome
- Starke Perinealschmerzen (zwischen Hodensack und Anus) - das charakteristischste Symptom.
- Ausstrahlende Schmerzen in Leiste, Skrotum oder Ruecken.
- Druckgefuehl oder Voellegefuehl im Rektum.
- Schmerzhafte Ejakulation und seltener Haematospermie.
5. Wann ist es ein Notfall — Erkennen einer Urosepsis
EAU 2025 empfiehlt den qSOFA-Score (quick Sepsis-related Organ Failure Assessment) zur raschen Identifizierung gefaehrdeter Patienten. Bei mindestens 2 der folgenden Kriterien ist eine stationaere Aufnahme erforderlich:
Sofort urologische Hilfe suchen bei:
- Akutem Harnverhalt (komplette Unfahigkeit zu urinieren).
- Hohem Fieber mit Schuettelfrost oder Zeichen der Urosepsis (qSOFA >=2).
- Ausgepraegter Makrohaematurie mit Koageln.
- Unfaehigkeit, orale Medikamente einzunehmen (anhaltende Uebelkeit, Dehydratation).
- Keine Besserung innerhalb von 48-72 Stunden trotz Antibiotika - Verdacht auf Abszess oder Resistenz.
- Immunsupprimierte Patienten oder schlecht eingestellte Diabetiker.
6. Diagnostischer Algorithmus (EAU 2025)
6.1 Klinische Beurteilung
Anamnese
Symptome, kuerzliche Katheterisierung oder Biopsie, Sexualverhalten, kuerzliche Antibiotikaeinnahme - entscheidend fuer die Therapiewahl.
Koerperliche Untersuchung + DRU
Die Prostata ist oedematoes, ueberwaarmt und bei Palpation stark druckschmerzhaft.
Wichtig: Ein kraeftiges Prostatamassage ist in der akuten Phase absolut kontraindiziert. EAU 2025 stuft dies als kontraindiziert ein, da es Bakteriaemie und Urosepsis ausloesen kann.
6.2 Labordiagnostik
Urinanalyse
Leukozyten, Nitrit, Erythrozyten.
Mittelstrahlurinkultur + Antibiogramm
Obligatorisch VOR der Antibiotikagabe. Gezielte Therapie ist ohne diesen Befund unmoeglich.
Blutbild, CRP, Kreatinin, Elektrolyte
Einschaetzung von Schweregrad und Nierenfunktion.
Blutkulturen
Bei hohem Fieber, Schuettelfrost oder Sepsiszeichen - starke Empfehlung EAU 2025.
PCR/NAAT
Fuer Chlamydia trachomatis und Neisseria gonorrhoeae bei sexuell aktiven jungen Maennern.
6.3 Bildgebung
Nicht routinemaessig. Indiziert bei:
- Keine klinische Besserung innerhalb von 48-72 Stunden.
- Verdacht auf Prostataabszess.
- Moegliche obstruktive Ursache oder Hydronephrose.
Erste Wahl: Transrektaler Ultraschall (TRUS) oder bei schwerem Verlauf Becken-CT mit Kontrastmittel.
7. Antibiotische Therapie (EAU 2025)
ABP wird als systemische Harnwegsinfektion gemaess der ueberarbeiteten EAU-2025-Klassifikation behandelt. Die Antibiotikaauswahl wird individualisiert nach Schweregrad, lokalen Resistenzmustern, vorheriger Antibiotikaeinnahme (letzte 6-12 Monate) und Allergien.
7.1 Schwere / Stationaere Faelle (Parenteral)
Cephalosporine der 3. Generation
Ceftriaxon, Cefotaxim - erste Wahl in vielen Zentren.
Breitspektrum-Penicilline
Piperacillin/Tazobactam - geeignet bei Verdacht auf Pseudomonas.
Fluorchinolon (individualisiert)
Nur, wenn in den letzten 6 Monaten nicht verwendet und kein stationaerer Urologieaufenthalt.
Kombination mit Aminoglykosid
Gentamicin, Amikacin - bei schwerem Verlauf oder Verdacht auf resistente Erreger.
7.2 Leichte bis mittelschwere Faelle (Oral)
Trimethoprim/Sulfamethoxazol (TMP/SMX)
Bei lokaler Resistenz <20 %.
Fluorchinolon (Ciprofloxacin, Levofloxacin)
Individualisiert - basierend auf Antibiogramm und Antibiotikaanamnese.
7.3 Therapiedauer
| Kategorie | Dauer (EAU 2025) |
|---|---|
| Mindestdauer | 14 Tage |
| Ausgewaehlte Faelle | 4 Wochen (zur Verhinderung der Chronifizierung) |
| Vorzeitiger Abbruch | Deutlich erhoehtes Rezidiv- und Chronifizierungsrisiko |
7.4 Sicherheitshinweis zu Fluorchinolonen (EMA / MHRA)
EMA und MHRA haben rechtsverbindliche Beschluesse erlassen, die den Einsatz von Fluorchinolonen aufgrund schwerwiegender Nebenwirkungen einschraenken (Tendinitis, Achillessehnenruptur, Neuropathie, Herzrhythmustoerungen, Aortenaneurysmen). Sie sind zu vermeiden, wenn Alternativen verfuegbar sind, und sollen niemals empirisch bei Patienten eingesetzt werden, die in den letzten 6 Monaten bereits ein Fluorchinolon erhalten haben.
7.5 Supportivtherapie
- Ausreichende Hydratation (oral oder intravenoes).
- Paracetamol oder NSAR gegen Fieber und Schmerzen.
- Bei akutem Harnverhalt: Suprapubischer Katheter (Zystostomie) bevorzugt gegenueber urethraler Katheterisierung.
- Bettruhe; Fahrradfahren und Geschlechtsverkehr in der akuten Phase meiden.
8. Komplikationen & Nachsorge
Moegliche Komplikationen
Urosepsis / Septischer Schock
Lebensbedrohlich - stationaere Aufnahme und parenterale Therapie erforderlich.
Prostataabszess
Bei 4-18% der Faelle. Verdacht, wenn Fieber trotz korrekter Antibiotika persistiert. Drainage erforderlich.
Akuter Harnverhalt
Suprapubische Katheterisierung erforderlich.
Epididymitis oder Orchitis
Durch aufsteigende Infektionsausbreitung.
Chronische bakterielle Prostatitis (CBP)
Haeufigste Folge einer Untertherapie - 5-10% der Patienten.
Nachsorgeprotokoll
- Nachkontrolle nach 48-72 Stunden - bei fehlender Besserung Verdacht auf Abszess oder Resistenz.
- Therapieende-Kontrolle mit Urinanalyse und -kultur.
- PSA-Kontrolle (bei klinischer Indikation) 4-6 Wochen nach vollstaendiger Abheilung.
- Bei Patienten mit BPH oder rezidivierenden Infektionen: eingehende Abklaerung auf korrigierbare Ursachen.
Rezidivpraevention
- Behandlung einer zugrunde liegenden Blasenauslassobstruktion (BPH, Harnroehrenstriktur).
- Optimale Einstellung bei Diabetes und immunsuppressiven Erkrankungen.
- Ausreichende Fluessigkeitsaufnahme, Harnretention vermeiden.
- Bei ausgewaehlten Patienten: individualisierte Antibiotikaprophylaxe in niedriger Dosis.
- Fuer Maenner, die eine Prostatabiopsie erhalten: transperineale Methode bevorzugen.
9. FAQ — Haeufig gestellte Fragen
Wie schnell wirkt die Antibiotikatherapie?
Fieber und Schmerzen beginnen in der Regel innerhalb von 48-72 Stunden nach Beginn des richtigen Antibiotikums nachzulassen. Die vollstaendige Heilung erfordert mindestens 14 Tage - ein vorzeitiger Therapieabbruch fuehrt fast immer zu Rueckfall oder Chronifizierung.
Muss ich immer ins Krankenhaus?
Nein. Haemodynamisch stabile Patienten, die orale Medikamente einnehmen koennen und eine gute haeusliche Betreuung haben, koennen ambulant behandelt werden. Eine stationaere Aufnahme ist bei schwerem Verlauf, qSOFA >=2, Immunsuppression oder Unmoeglichkeit der oralen Medikamenteneinnahme erforderlich.
Warum darf ich in der akuten Phase keinen PSA-Test machen?
Die akute Entzuendung verursacht einen voruebergehenden, starken PSA-Anstieg (oft >20-50 ng/mL). Dieser Wert spiegelt nicht das tatsaechliche Krebsrisiko wider und kann zu unnoetigem Aufwand fuehren. PSA sollte fruehestens 4-6 Wochen nach vollstaendiger Heilung kontrolliert werden.
Was bedeutet es, wenn sich nach 72 Stunden keine Besserung zeigt?
Das ist ein Warnsignal. Moegliche Ursachen: resistenter Erreger, Bildung eines Prostataabszesses, obstruktive Ursache oder falsche initiale Antibiotikaauswahl. Sofortige Neubewertung mit bildgebender Diagnostik ist erforderlich.
Kann aus einer akuten eine chronische Prostatitis werden?
Ja, besonders wenn die Therapie in Dauer oder Dosierung ungenuegend war. Etwa 5-10% der Patienten entwickeln eine chronische bakterielle Prostatitis. Das ist der wichtigste Grund, die vollstaendige Therapiedauer einzuhalten.
Ist Prostatitis ansteckend? Muss ich Geschlechtsverkehr vermeiden?
ABP durch Enterobacterales ist nicht sexuell uebertragbar. Bei juengeren Maennern kann die Ursache jedoch sexuell uebertragbare Erreger umfassen (Chlamydien, Gonokokken) - in diesem Fall sollte auch der Partner untersucht werden. In der akuten Phase sollte auf Geschlechtsverkehr verzichtet werden.
Soll ich Antibiotika nehmen, die ich zu Hause habe?
Nein. Selbstmedikation mit verfuegbaren Antibiotika ist einer der Hauptgruende fuer Resistenzentwicklung und Therapieversagen. Immer zuerst eine Urinkultur abnehmen und das Antibiotikum vom Urologen auswaehlen lassen.
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Hohes Fieber, Schuettelfrost, starke Perinealschmerzen und Miktionsbeschwerden? Urologische Fachuntersuchung mit Urinkultur und gezielter Antibiotikatherapie in unserer Praxis in Rhodos.
Quellen
- EAU-Leitlinien fuer urologische Infektionen 2025. Europaeische Gesellschaft fuer Urologie — uroweb.org
- Bonkat G, et al. EAU Guidelines on Urological Infections. Eur Urol 2025.
- EMA-Beschraenkungen fuer Fluorchinolone. Europaeische Arzneimittelagentur, 2019 — Aktualisiert 2023.
- Singer M, et al. Sepsis-3-Definitionen. JAMA 2016;315:801–810.
- NHS: Prostatitis — nhs.uk
Medizinische Fachpruefung

Dr. Marinos Vasilas, Urologe – Androloge
Dr. Marinos Vasilas fuehrt eine private urologische Praxis in Rhodos und Athen und ist spezialisiert auf die Diagnose und Behandlung urologischer Infektionen und Prostatitis. Er wendet die EAU-Leitlinien fuer urologische Infektionen 2025 und die Prinzipien des Antimicrobial Stewardship an.
Vollstaendiges Profil




