Mein klinisches Vorgehen
Beim Peniskrebs ist die Zeit bis zur Diagnose der wichtigste Prognosefaktor. Leider verzögern viele Patienten den Arztbesuch aus Verlegenheit — mit der Folge einer fortgeschrittenen Erkrankung bei der Vorstellung.
In meiner Praxis folge ich den Leitlinien der EAU-ASCO Penile Cancer 2024:
- Sofortige Biopsie jeder persistierenden Läsion >3 Wochen.
- Staging mit Penis-MRT und inguinaler Bildgebung.
- Priorität für organerhaltende Therapien wo technisch möglich (Laser, Glans-Resurfacing, Glansektomie).
- Dynamische Sentinel-Lymphknoten-Biopsie bei cN0 in pT1b oder höher.
- Koordiniertes Team: Urologe-Onkologe-Pathologe-Strahlentherapeut.
- Überweisung an Spezialzentrum bei fortgeschrittener/metastasierter Erkrankung.
- Beratung zur HPV-Impfung von Partnern und Prävention.
Was ist Peniskrebs
Peniskrebs ist eine seltene Malignität in westlichen Ländern (1/100.000 Männer/Jahr), häufiger in Entwicklungsländern (bis zu 4–6/100.000). Die überwiegende Mehrheit (95%) ist ein Plattenepithelkarzinom (SCC).
Hauptlokalisationen: Glans (48%), Vorhaut (21%), Sulcus coronarius (6%), seltener am Penisschaft. Mediane Diagnosealter 60 Jahre, obwohl die Inzidenz bei jüngeren Männern aufgrund von HPV steigt.
Präkanzerosen: Erythroplasie Queyrat (CIS der Glans), Morbus Bowen (CIS des Penisschafts), HPV-assoziierte papilläre Karzinome. Verbunden mit 30–40% Risiko der Progression zu invasivem SCC.
Risikofaktoren
- Hochrisiko-HPV (Typen 16, 18, 31, 33, 45) — verantwortlich für ~50% der Fälle.
- Phimose — 10× erhöhtes Risiko.
- Lichen sclerosus (BXO) — assoziiert mit 2,3–10% des SCC.
- Chronische Balanitis/Balanoposthitis.
- Rauchen — 3–4× erhöhtes Risiko.
- Schlechte Hygiene und chronische Reizung.
- Immunsuppression (HIV, Transplantation) — 8× Steigerung.
- PUVA-Therapie (Psoriasis) — erhöhtes SCC-Risiko.
- Höheres Alter (häufiger >60 Jahre).
- Multiple Sexualpartner, STI-Koinfektion.
Neugeborenen-Beschneidung: bietet nahezu vollständigen Schutz vor Peniskrebs. In Bevölkerungsgruppen mit nahezu universaler Beschneidung (jüdische Bevölkerung) ist die Inzidenz <0,1/100.000.
Symptome und klinisches Bild
- Persistierende nicht-heilende Läsion an Glans oder Vorhaut.
- Ulkus, Plaque, warzenartige Wucherung, rote oder weiße Flecken.
- Harte tastbare Masse oder Schwellung.
- Ausfluss (Blut, Eiter), übler Geruch.
- Schmerzen oder Juckreiz (in fortgeschrittenen Stadien).
- Vergrößerte Leistenlymphknoten (entzündlich oder metastatisch).
- Schwierigkeit beim Zurückziehen der Vorhaut (phimotischer Penis verbirgt Läsion).
- Bei fortgeschrittener Erkrankung: Blutung, übler Geruch, Ausfluss aus dem Krebsgeschwür.
Diagnose und Staging
Detaillierte klinische Untersuchung
Inspektion und Palpation der Läsion (Größe, Lokalisation, Infiltration), Beurteilung der Vorhaut, obligatorische bilaterale Palpation der Leistenlymphknoten.
Läsionsbiopsie
OBLIGATORISCH. Inzisionell oder exzisionell je nach Größe. Histologischer Typ (SCC, Subtypen), Grading (G1-G3), lymphovaskuläre Invasion (LVI), Invasionstiefe.
Penis-MRT mit künstlicher Erektion (PGE1)
Beurteilung von Corpus-spongiosum/cavernosum- und Urethra-Invasion. Bestimmt T-Stadium und chirurgischen Ansatz (organerhaltend vs. Penektomie).
Inguinales Lymphknoten-Staging
Ultraschall ± FNA bei tastbaren Knoten. Bei cN0 mit pT1b oder höher: dynamische Sentinel-Lymphknoten-Biopsie (DSNB) — bevorzugt gegenüber prophylaktischer Lymphadenektomie.
Metastasen-Staging
Abdomen/Becken-CT/MRT (pelvine Knoten, Metastasen), Thorax-CT. PET-CT bei cN+ oder Hochrisikofällen.
HPV-Typisierung
HPV-Test (PCR oder p16 Immunhistochemie) — Prognosefaktor und beeinflusst Nachsorge.
TNM-Staging (AJCC 8. Auflage)
Tis / Ta
Carcinoma in situ (CIS) oder nicht-invasives Verrucöses Karzinom.
T1a / T1b
T1a: Invasion subepithelialen Bindegewebes ohne LVI und low-grade. T1b: mit LVI oder high-grade.
T2
Corpus-spongiosum-Invasion ± Urethra.
T3
Corpus-cavernosum-Invasion ± Urethra.
T4
Invasion benachbarter Organe (Skrotum, Prostata, Beckenknochen).
N0-N3
N0: keine Knoten. N1: 1 unilateral. N2: multiple oder bilateral. N3: pelvine Knoten oder extranodale Ausbreitung.
Therapie
Frühe Stadien (CIS, Ta, T1a)
Organerhaltende Therapien: topisches 5-FU oder Imiquimod (CIS), CO₂/Nd:YAG-Laser, Glans-Resurfacing (Epithelentfernung mit Hauttransplantat), Zirkumzision (bei Lokalisation an der Vorhaut). Alle erhalten den Penis.
Lokale Erkrankung T1b-T2
Glansektomie (Glansentfernung mit Neoglans-Bildung aus Hauttransplantat) oder partielle Penektomie mit Erhalt ausreichender Länge für Erektion und stehendes Wasserlassen. Ziel: negativer Resektionsrand >5mm.
Fortgeschrittene Erkrankung T3-T4
Totale Penektomie mit perinealer Urethrostomie. Neoadjuvante Chemotherapie (TIP — Paclitaxel, Ifosfamid, Cisplatin) bei fortgeschrittener/pelviner Erkrankung.
Inguinales Lymphknoten-Management
cN0 mit niedrigem Risiko (Tis, Ta, T1a low-grade): Überwachung. cN0 mit hohem Risiko (pT1b oder höher): DSNB. cN+: radikale inguinale Lymphadenektomie ± pelvin. Adjuvante Chemo-/Strahlentherapie bei pN2-N3 oder extranodaler Ausbreitung.
Metastasierte Erkrankung (M1)
Systemische Chemotherapie (TIP), palliative Strahlentherapie, klinische Studien (Anti-PD-1 Immuntherapie — Pembrolizumab, EGFR-Inhibitoren — Cetuximab). Multidisziplinärer Ansatz.
Prognose und Überleben
- Lokalisierte Erkrankung (T1-2, N0): 5-Jahres-Überleben 85–90%.
- Inguinale Knoten N1: 5-Jahres-Überleben 70–80%.
- Inguinale N2: 5-Jahres-Überleben 50–60%.
- Pelvine Knotenerkrankung (N3): 5-Jahres-Überleben 20–30%.
- Metastasierte Erkrankung (M1): 5-Jahres-Überleben <10%.
- Schlechte Prognosefaktoren: high-grade, LVI, extranodale Ausbreitung, pelvine Knoten.
- HPV+ Karzinome: günstigere Prognose als HPV-.
- Rezidiv hauptsächlich in den ersten 2 Jahren — intensive Nachsorge.
Prävention
- HPV-Impfung (Gardasil-9) bei Jungen 9–14 Jahre — Primärprävention.
- Neugeborenen-Beschneidung in Hochrisikopopulationen.
- Behandlung der Phimose bei Erwachsenen.
- Überwachung und Behandlung von BXO mit topischen Kortikosteroiden.
- Rauchstopp.
- Gute Hygiene, Vermeidung chronischer Reizung.
- Kondombenutzung — partieller HPV-Schutz.
- STI-Screening und Behandlung.
- Sofortige urologische Überweisung bei persistierenden Läsionen >3 Wochen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist Peniskrebs?
Eine seltene Malignität (Inzidenz 1/100.000 Männer/Jahr in westlichen Ländern). 95% sind Plattenepithelkarzinome. Stark assoziiert mit HPV (vor allem Typen 16/18) und Lichen sclerosus (BXO). Frühe Diagnose ermöglicht Penis-Erhalt.
Was sind die Frühsymptome?
Persistierende Läsion an Glans oder Vorhaut: Ulkus, Plaque, warzenartige Wucherung, rote/weiße Flecken oder harte nicht-heilende Läsion >3 Wochen. Andere: Ausfluss, Blutung, übler Geruch, vergrößerte Leistenlymphknoten.
Was sind die Risikofaktoren?
Hochrisiko-HPV (Typen 16, 18, 31, 33, 45), Phimose, chronische Entzündung/Balanitis, Lichen sclerosus (BXO), Rauchen, schlechte Hygiene, Immunsuppression, PUVA-Therapie, höheres Alter. Neugeborenen-Beschneidung bietet nahezu vollständigen Schutz.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Klinische Untersuchung und Biopsie der Läsion (inzisionell/exzisionell) — OBLIGATORISCH. Beurteilung der Leistenlymphknoten (Palpation, Ultraschall ± FNA, Dynamische Sentinel-Lymphknoten-Biopsie [DSNB]). Staging mit Penis-MRT (Schwellkörperinvasion), Abdomen/Becken-CT/MRT, Thorax-CT bei fortgeschrittenen Stadien.
Wie ist das TNM-Staging?
T1a (oberflächlich, ohne LVI), T1b (LVI oder high-grade), T2 (Corpus-spongiosum-Invasion), T3 (Corpus-cavernosum- oder Urethra-Invasion), T4 (benachbarte Organe). N1-N3 nach inguinalen/pelvinen Lymphknoten. M1 = Fernmetastasen.
Welche Therapieoptionen gibt es?
Frühe Stadien (CIS, T1a): CO₂/Nd:YAG-Laser, topisches 5-FU/Imiquimod, Glansektomie, Glans-Resurfacing, Zirkumzision. Fortgeschritten: partielle oder totale Penektomie. Lymphknoten: inguinale Lymphadenektomie bei cN+ oder pT1b. Adjuvante Chemo-/Strahlentherapie bei fortgeschrittener Erkrankung.
Was ist die dynamische Sentinel-Lymphknoten-Biopsie (DSNB)?
Moderne Staging-Technik für inguinale Lymphknoten bei cN0-Hochrisikopatienten (pT1b und höher). Tc-99m + Patentblau-Injektion, Identifikation und Entfernung nur des Sentinel-Knotens. Reduziert die Morbidität deutlich gegenüber der klassischen Lymphadenektomie.
Wie ist die Prognose?
Stadienabhängig. 5-Jahres-Überleben: lokalisierte Erkrankung (T1-2, N0) 85–90%, inguinale Knoten N1-N2 50–60%, pelvine Erkrankung (N3) 20–30%, metastasiert (M1) <10%. Frühe Überweisung an Spezialzentrum verbessert die Ergebnisse deutlich.
Wie kann vorgebeugt werden?
HPV-Impfung (9-valent, Gardasil-9) bei Jungen 9–14 Jahre — Primärprävention. Gute Hygiene, Rauchstopp, Behandlung von Phimose und BXO, Kondombenutzung. Selbstuntersuchung bei persistierenden Läsionen — sofortige urologische Überweisung.
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Wissenschaftliche Literatur
- EAU-ASCO Collaborative Guidelines on Penile Cancer (2024) — uroweb.org
- Brouwer OR, Albersen M, Parnham A, et al. EAU-ASCO Penile Cancer Guidelines 2023 Update. Eur Urol 2023;83(6):548-560 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Hakenberg OW, Compérat EM, Minhas S, et al. EAU Guidelines on Penile Cancer. Eur Urol 2015;67(1):142-50 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Backes DM, Kurman RJ, Pimenta JM, Smith JS. Systematic review of HPV prevalence in invasive penile cancer. Cancer Causes Control 2009;20(4):449-57 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Pagliaro LC, Williams DL, Daliani D, et al. Neoadjuvant TIP for metastatic penile cancer. J Clin Oncol 2010;28(24):3851-7 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
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Dr. Marinos Vasilas, Urologe – Androloge
Dr. Marinos Vasilas bietet eine spezialisierte Diagnose und Behandlung des Peniskrebses mit Schwerpunkt auf organerhaltenden Techniken (Laser, Glansektomie, Glans-Resurfacing) und multidisziplinärem Ansatz nach den EAU-ASCO 2024 Leitlinien.
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