Mein klinisches Vorgehen
Bei der Hypospadie bestimmt die frühe und genaue Beurteilung den Plan. Die Eltern müssen ab den ersten Tagen ausführlich informiert werden — eine sofortige chirurgische Planung ist nicht erforderlich, aber eine Beschneidung sollte NIEMALS ohne vorherige kinderurologische Beurteilung erfolgen.
In meiner klinischen Praxis folge ich den EAU Pediatric Urology 2024 Leitlinien:
- Vollständige Beurteilung bei Geburt: Mündungslage, Chordee, Glanskonfiguration, Vorhaut, Hoden.
- Vermeidung der Beschneidung — Vorhaut wird als Transplantatmaterial benötigt.
- Hormonelle Abklärung und Karyotyp bei proximaler Hypospadie mit bilateralem Kryptorchismus (DSD).
- Präoperative Testosteronbehandlung bei hypoplastischer Glans.
- Operation im Alter von 6-18 Monaten (optimal 6-12 Monate).
- Technikauswahl je nach Schweregrad: TIP für distal, Bracka für proximal.
- Langzeitnachsorge bis zur Pubertät für funktionelle und psychosexuelle Ergebnisse.
Was ist eine Hypospadie
Die Hypospadie ist eine angeborene Penisanomalie, bei der die Harnröhrenmündung nicht an der Spitze der Eichel öffnet, sondern ventral (auf der Unterseite) an verschiedenen Positionen entlang des Penis, des Skrotums oder sogar des Perineums.
Sie ist eine der häufigsten angeborenen männlichen Genitalanomalien mit einer Häufigkeit von 1 in 200-300 männlichen Geburten. Die Inzidenz zeigt in den letzten Jahrzehnten eine steigende Tendenz, möglicherweise aufgrund erhöhter Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren.
Charakteristika: anormale Mündungslage, Penisverkrümmung (Chordee) ventral (in schwereren Formen), abnormale Vorhaut (Kapuzenvorhaut) — Vorhaut nur an der dorsalen Oberfläche vorhanden, ventral fehlend.
Klassifikation
Die Klassifikation basiert auf der Lage der Harnröhrenmündung nach Korrektur einer eventuellen Chordee:
Distal (50%)
Glandulär (Mündung an der Basis der Glans), koronar (in der koronaren Furche). Die häufigste und mildeste Form.
Mid-penil (30%)
Mündung an der mittleren ventralen Oberfläche des Penis. Häufig von milder Chordee begleitet.
Proximal-penil
Mündung nahe der Penisbasis. Häufig deutliche Chordee, komplexere Korrektur erforderlich.
Peno-skrotal / skrotal (20%)
Mündung am Skrotum. Schwere Form mit deutlicher Chordee, gespaltenem Skrotum, Notwendigkeit einer DSD-Abklärung.
Perineal
Mündung am Perineum. Die schwerste Form, häufig mit DSD, erfordert gründliche Abklärung.
Megameatus intact prepuce (MIP)
Seltene Variante — breite Mündung an der Basis der Glans mit normaler Vorhaut. Häufig nach Beschneidung diagnostiziert.
Ätiologie
Multifaktoriell. Bei den meisten Patienten wird keine einzige Ursache identifiziert:
- Genetische Faktoren — familiäre Prädisposition (8% der Fälle), Mutationen in Androgensignalisierungsgenen (SRD5A2, AR).
- Hormonelle Störungen — Defekte in der Testosteron- oder DHT-Produktion/-Wirkung im 1. Trimester.
- Umwelt-endokrine Disruptoren — Pestizide, Vinylmonomere, Weichmacher, Phytoöstrogene.
- Frühgeburt — erhöhte Häufigkeit bei Neugeborenen <37 Wochen.
- Niedriges Geburtsgewicht (<2500 g).
- Mütterliches Alter >35 Jahre.
- In-vitro-Fertilisation (IVF/ICSI) — geringe Risikoerhöhung.
- Mütterlicher Diabetes mellitus, Adipositas, Progesteronanwendung.
Klinisches Bild
Die klassische Trias der Hypospadie umfasst:
- Anormale Lage der Harnröhrenmündung — ventral der Glans an verschiedenen Positionen.
- Penisverkrümmung (Chordee) — ventral in schwereren Typen, sichtbar bei Erektion.
- Anormale Vorhaut (Kapuzenvorhaut) — nur dorsal vorhanden, ventral fehlend.
- Breite oder enge Mündung, anormaler Harnstrahl (breit oder nach unten gerichtet).
- Bei schweren Formen: gespaltenes Skrotum, Microphallus, Assoziation mit Kryptorchismus.
- Im höheren Alter (falls undiagnostiziert): Schwierigkeiten beim stehenden Wasserlassen, Sexualstörungen.
Diagnose
Klinische Untersuchung bei Geburt
Durch Pädiater/Geburtshelfer. Inspektion: Mündungslage, Grad der Chordee, Vorhautform, Hodenpalpation, Skrotumuntersuchung.
Kinderurologische Überweisung
Sofortige Überweisung zur Kategorisierung und Korrekturplanung. Detaillierte elterliche Beratung.
Abklärung assoziierter Erkrankungen
Hodenpalpation (Kryptorchismus in 10%), Leistenhernien-Screening (10%). Nierenultraschall bei Koexistenz weiterer Anomalien.
DSD-Abklärung (nur in schweren Formen)
Bei proximaler/peno-skrotaler/perinealer Hypospadie mit bilateralem Kryptorchismus: Karyotyp, hormonelle Abklärung (LH, FSH, Testosteron, DHT), 17-OH-Progesteron.
Präoperative Vorbereitung
Bei hypoplastischer Glans oder Microphallus: topische (Testosterontcreme) oder injizierbare Testosterontherapie 1-3 Monate vor der Operation zur Vergrößerung der Glans.
Chirurgische Korrektur
Operationszeitpunkt
Idealerweise 6-18 Monate (optimal 6-12 Monate). Vorteile: geringerer psychologischer Einfluss, bessere Heilung, weniger Komplikationen. Ziel: Abschluss vor Entwicklung der psychosexuellen Wahrnehmung.
TIP / Snodgrass (distale Hypospadie)
Tubularized Incised Plate. Mittlinieninzision der Harnröhrenplatte und Tubularisierung um den Katheter. Erfolg >90% bei glandulärer/koronarer Form. Komplikationen: Fistel 5-10%, Meatusstenose.
Onlay-Flap (mid-proximal Hypospadie)
Inselflap aus der inneren Vorhautoberfläche, auf die Harnröhrenplatte aufgelegt. Erhält die Harnröhrenplatte. Gute Ergebnisse bei mid/proximalen Formen ohne schwere Chordee.
Bracka in zwei Stadien (schwere Hypospadie)
Stadium 1: Chordee-Korrektur, Wangenschleimhaut- Transplantat-Platzierung auf der ventralen Oberfläche. Stadium 2 (6 Monate später): Tubularisierung. Bevorzugte Technik für proximal, peno-skrotal, perineal.
Postoperative Versorgung
Harnröhrenkatheter 7-14 Tage. Antibiotika, Analgesie. Verbandswechsel. Nachsorge in den ersten Wochen, dann nach 3, 6, 12 Monaten und jährlich bis zur Pubertät.
Komplikationen & Prognose
- Urethrokutane Fistel: 5-15% — häufigste Komplikation. Erfordert oft eine zweite Operation.
- Meatusstenose: 5-10%. Dilatationen oder chirurgische Korrektur.
- Neourethralstriktur: 5-15%, häufiger bei proximalen Formen.
- Wunddehiszenz: 1-5%.
- Chordee-Rezidiv: 5-10%.
- Harnröhrendivertikel (neourethrale Erweiterung): selten.
- Kosmetische Ergebnisse: bei den meisten Patienten zufriedenstellend.
- Sexualfunktion: bei der Mehrheit nach erfolgreicher Korrektur normal.
- Fertilität: meist normal (außer bei schwerer DSD).
- Psychosexuell: deutlich bessere Ergebnisse, wenn die Korrektur in jungem Alter erfolgt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist eine Hypospadie?
Eine angeborene Anomalie, bei der die Harnröhrenmündung nicht an der Spitze der Eichel, sondern ventral (auf der Unterseite) an verschiedenen Positionen liegt. Häufigkeit 1 von 200-300 männlichen Geburten. Häufig begleitet von einer Penisverkrümmung (Chordee) und einer abnormalen "Kapuzenvorhaut".
Welche Formen der Hypospadie gibt es?
Klassifiziert nach Mündungslage: glandulär (50%), koronar, distal-penil, mid-penil, proximal-penil, peno-skrotal, skrotal, perineal. Je proximaler die Mündung, desto schwerer die Form.
Was sind die Ursachen?
Multifaktoriell: genetische Faktoren (Mutationen in Hormonsignalisierungsgenen), hormonelle Störungen (Androgenrezeptordefekte), Umweltexpositionen (endokrine Disruptoren — Pestizide, Weichmacher), Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, IVF.
Ist sie mit anderen Anomalien assoziiert?
Ja. Bei 10% besteht zusätzlich Kryptorchismus, bei 10% eine Leistenhernie. Schwere Formen (proximal-skrotal) mit bilateralem Kryptorchismus erfordern eine Abklärung von Sexualentwicklungsstörungen (DSD): Karyotyp, hormonelle Diagnostik.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Klinische Untersuchung bei Geburt durch Pädiater/Geburtshelfer. Inspektion: Mündungslage, Vorhandensein einer Chordee, Vorhautform. Bei schweren Formen: Kinderurologische Überweisung, hormonelle Abklärung und Nierenultraschall.
Wann sollte die chirurgische Korrektur erfolgen?
Das ideale Alter ist 6-18 Monate (optimal 6-12 Monate) — vor Entwicklung psychosexueller Wahrnehmung und günstig für anatomische Ergebnisse. Eine Beschneidung sollte NIEMALS vor der Korrektur erfolgen (Vorhaut wird als Transplantatmaterial benötigt).
Welche Techniken werden eingesetzt?
Distale Hypospadie: TIP (Snodgrass) — Inzision der Harnröhrenplatte und Tubularisierung. Proximal/schwer: Zwei-Stadien (Bracka — Wangenschleimhaut-Transplantat-Platzierung und Tubularisierung 6 Monate später), Inselflap (Onlay-Flap), tubularisierter Vorhautlappen.
Was sind die Komplikationen?
Urethrokutane Fistel (5-15%) — die häufigste. Meatusstenose, Dehiszenz, Chordee-Rezidiv, Harnröhrendivertikel. Psychosexuell: zufriedenstellende Sexual- und Urinfunktion bei den meisten Patienten nach erfolgreicher Korrektur.
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Wissenschaftliche Literatur
- EAU Guidelines on Paediatric Urology (2024) — Hypospadias chapter — uroweb.org
- Snodgrass W. Tubularized incised plate urethroplasty for distal hypospadias. J Urol 1994;151(2):464-5 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Bracka A. Hypospadias repair: the two-stage alternative. Br J Urol 1995;76 Suppl 3:31-41 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Baskin LS, Ebbers MB. Hypospadias: anatomy, etiology, and technique. J Pediatr Surg 2006;41(3):463-72 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Springer A, van den Heijkant M, Baumann S. Worldwide prevalence of hypospadias. J Pediatr Urol 2016;12(3):152.e1-7 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
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Dr. Marinos Vasilas, Urologe – Androloge
Dr. Marinos Vasilas bietet eine personalisierte Beurteilung und chirurgische Korrektur der Hypospadie in allen Formen, mit TIP-, Onlay- und Bracka-Zwei-Stadien-Techniken nach den EAU Pediatric Urology 2024 Leitlinien.
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