Mein klinischer Ansatz
Das Cushing-Syndrom gehört zu den anspruchsvollsten Erkrankungen der endokrinen Chirurgie. Das klinische Bild kann subtil sein, die Diagnostik erfordert Sorgfalt, und das perioperative Management der Kortisolachse kann den Unterschied zwischen einer reibungslosen Erholung und einer lebensbedrohlichen Nebennierenkrise bedeuten.
In meiner Praxis leiten drei Prinzipien jeden Cushing-Fall:
- Immer biochemisch bestätigen vor weiterer Bildgebung — zufällige Nebennieren- oder Hypophysenbefunde ohne biochemisches Cushing rechtfertigen keine Operation.
- Korrekt lokalisieren — hochdosierter Dexamethasontest, CRH-Stimulation und BIPSS sind essenziell bei nachweisbarem ACTH.
- Perioperative Steroidabdeckung minutiös planen. Eine Nebennierenkrise nach kurativer Operation ist vermeidbar.
Was ist das Cushing-Syndrom?
Das Cushing-Syndrom bezeichnet die klinischen und metabolischen Folgen einer chronischen Exposition gegenüber überschüssigen Glukokortikoiden — endogen oder exogen. Morbus Cushing bezeichnet speziell die Subgruppe durch ein ACTH-sezernierendes Hypophysenadenom.
Unbehandelt geht das Cushing-Syndrom mit erheblicher Morbidität (kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes, Infektionen, Osteoporose, psychiatrische Erkrankungen) und einer 4- bis 5-fach erhöhten Mortalität einher.
Ursachen und Klassifikation
Exogen (iatrogen)
Insgesamt häufigste Ursache. Langzeitsteroidtherapie bei Autoimmun-, Allergie- oder Transplantationspatienten.
Morbus Cushing (~70% endogen)
ACTH-sezernierendes Hypophysenmikroadenom. Doppelt so häufig bei Frauen.
Adrenales Cushing (~15-20%)
Kortisol-sezernierendes Nebennierenadenom oder Karzinom. Makro- oder mikronoduläre Hyperplasie seltener.
Ektopes ACTH (~10%)
Kleinzelliges Lungenkarzinom, bronchiales Karzinoid, medulläres Schilddrüsenkarzinom, Phäochromozytom. Rasche klinische Entwicklung, schwere Hypokaliämie.
Symptome
- Stammbetonte Adipositas, Mondgesicht, Stiernacken, supraklavikuläre Fettpolster.
- Purpurne Striae > 1 cm, Hämatome, dünne Haut.
- Proximale Muskelschwäche, Aufstehen vom Stuhl erschwert.
- Hypertonie, Typ-2-Diabetes, Dyslipidämie.
- Osteoporose mit Frakturen.
- Stimmungsstörungen, Depression, kognitive Beeinträchtigung, Psychose.
- Bei Frauen: Hirsutismus, Zyklusstörungen, Akne.
- Bei Kindern: Wachstumsstillstand kombiniert mit Gewichtszunahme.
- Rezidivierende Infektionen, schlechte Wundheilung.
Hinweise auf schweres / ektopes Cushing
- Rasche klinische Progression (Wochen bis Monate).
- Schwere Hypokaliämie und metabolische Alkalose.
- Schwere Hypertonie und Ödeme.
- Ausgeprägte Hyperpigmentierung.
- Diabetes mit hohem Insulinbedarf.
- Schwere Muskelschwäche ohne klassischen Habitus.
Diagnostik
Per Endocrine-Society-Leitlinie 2008 müssen mindestens zwei von drei First-Line-Tests pathologisch sein:
24-h-Urinkortisol (UFC)
Zwei Sammlungen. Werte > 3-4-fach des oberen Grenzwerts hochsuggestiv.
Spätabendliches Speichelkortisol
Zwei Proben an verschiedenen Tagen. Aufgehobener zirkadianer Rhythmus — hoher Abendwert.
1-mg-Übernacht-Dexamethasonsuppressionstest
Kortisol > 1,8 μg/dL morgens nach 1 mg Dexamethason um 23 Uhr ist positiv.
Plasma-ACTH (nach Bestätigung)
ACTH < 5 pg/mL = ACTH-unabhängig (adrenal). ACTH > 20 pg/mL = ACTH-abhängig (hypophysär oder ektop).
Lokalisation der Quelle
ACTH-unabhängig (adrenal)
Nebennieren-CT oder MRT. Adenom, Karzinom, makronoduläre Hyperplasie. Bildgebende Merkmale identifizieren die betroffene Nebenniere.
ACTH-abhängig
Hypophysen-MRT: identifiziert Mikroadenom in ~70% des Morbus Cushing. CRH-Stimulationstest oder hochdosierter DST helfen bei der Differenzierung. BIPSS bei nicht eindeutigem MRT — Verhältnis zentrales/peripheres ACTH > 3 (basal) oder > 2 (post-CRH) bestätigt hypophysäre Quelle.
Ektopes ACTH
CT Thorax/Abdomen, 68Ga-DOTATATE-PET/CT bei neuroendokrinen Tumoren, FDG-PET bei aggressiven Tumoren.
Behandlung
- Morbus Cushing: transsphenoidale Hypophysenoperation als First-Line (Pituitary Society 2021, Fleseriu et al.). Heilungsraten 70-85% in spezialisierten Zentren.
- Adrenales Cushing: laparoskopische Adrenalektomie der betroffenen Nebenniere.
- Ektopes ACTH: chirurgische Entfernung des Quelltumors wenn möglich.
- Medikamentös: Ketoconazol, Metyrapon, Osilodrostat (Steroidogenesehemmer); Pasireotid (Morbus Cushing); Mifepriston (Cushing mit Diabetes).
- Bilaterale Adrenalektomie: Ultima Ratio bei refraktärer Erkrankung — Risiko Nelson-Syndrom.
- Hypophysenbestrahlung: bei residueller oder rezidivierender Cushing-Erkrankung.
Postoperatives Management
Nach erfolgreicher Entfernung der Kortisolquelle entwickelt der Patient eine sekundäre Nebenniereninsuffizienz durch chronische Suppression der kontralateralen Nebenniere oder HPA-Achse. Hydrokortisonsubstitution ist essenziell und dauert bis zur Erholung der Achse — oft Monate bis 1-2 Jahre. Patientenschulung zu Sick-Day-Regeln und Notfallausweis ist obligatorisch.
MACS — milde autonome Kortisolsekretion
MACS beschreibt biochemisch nachweisbaren Kortisolüberschuss (post-DST Kortisol > 1,8 μg/dL) ohne klinisch manifestes Cushing. Per ESE/ENSAT-Leitlinie 2023 ist MACS mit erhöhten kardiovaskulären Ereignissen, Typ-2-Diabetes, Hypertonie, Osteoporose und Mortalität assoziiert. Operation wird bei jüngeren Patienten mit relevanten kortisolabhängigen Komorbiditäten erwogen.
Fazit: Das Cushing-Syndrom verlangt ein strukturiertes, multidisziplinäres Vorgehen — Endokrinologie, Urologie, Neurochirurgie, Onkologie und interventionelle Radiologie arbeiten zusammen für Diagnose, Behandlung und Langzeitnachsorge.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist das Cushing-Syndrom?
Das Cushing-Syndrom ist der klinische Zustand durch chronische Exposition gegenüber überschüssigen Glukokortikoiden (Kortisol). Ursachen: exogene Steroide, ACTH-produzierende hypophysäre oder ektope Tumoren (ACTH-abhängig), oder autonome Nebennierentumoren/Hyperplasie (ACTH-unabhängig).
Was ist die häufigste Ursache?
Klinisch insgesamt am häufigsten: exogene Glukokortikoidtherapie (iatrogen). Bei endogenen Ursachen: Morbus Cushing (hypophysäres ACTH-Adenom) ~70%, Nebennierenadenom/-karzinom ~15-20%, ektopes ACTH ~10%.
Welche Symptome treten auf?
Stammbetonte Adipositas, Mondgesicht, Stiernacken, purpurne Striae, Hämatome, proximale Muskelschwäche, Hypertonie, Typ-2-Diabetes, Osteoporose, Depression und kognitive Veränderungen. Bei Frauen: Hirsutismus, Zyklusstörungen. Bei Kindern: Wachstumsstillstand bei Gewichtszunahme.
Wie wird es diagnostiziert?
Per Endocrine-Society-Leitlinie 2008: mindestens zwei von drei First-Line-Tests positiv — 24-h-Urinkortisol, spätabendliches Speichelkortisol, oder 1-mg-Übernacht-Dexamethasonsuppressionstest. Nach Bestätigung: ACTH-Bestimmung zur Klassifikation in ACTH-abhängig vs. -unabhängig.
Was ist MACS?
Mild Autonomous Cortisol Secretion — biochemische Hinweise auf milden Kortisolüberschuss (post-DST Kortisol > 1,8 μg/dL) ohne klinisch manifestes Cushing-Syndrom. Erhöht das kardiovaskuläre Risiko, Diabetes, Osteoporose und Mortalität. Operation in Einzelfällen erwogen.
Was ist die Behandlung?
Morbus Cushing: transsphenoidale Hypophysenoperation als First-Line (Pituitary Society 2021). Adrenales Cushing: laparoskopische Adrenalektomie der betroffenen Nebenniere. Ektopes ACTH: tumororientierte Behandlung. Medikamentös (Ketoconazol, Metyrapon, Osilodrostat, Mifepriston, Pasireotid) adjuvant oder bei nicht operablen Fällen.
Was ist BIPSS?
Bilaterale Sinus-petrosus-inferior-Katheterisierung. Goldstandard zur Differenzierung Morbus Cushing von ektopem ACTH bei nicht eindeutigem Hypophysen-MRT. Wird in spezialisierten Zentren durchgeführt.
Wie sieht die postoperative Versorgung aus?
Nach erfolgreicher Operation entwickelt der Patient eine vorübergehende Nebenniereninsuffizienz (supprimierte kontralaterale Nebenniere oder Hypophysenachse). Lebenslange oder langfristige Hydrokortisonsubstitution bis zur Erholung der HPA-Achse — manchmal Monate bis Jahre. Patientenschulung zu Sick-Day-Regeln ist essenziell.
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Eine Diagnose von Cushing-Syndrom — oder MACS — verdient eine vollständige Beurteilung in Zusammenarbeit mit Endokrinologie und ggf. Neurochirurgie. Wir koordinieren Ihren gesamten Pfad von der Diagnostik über die Operation bis zur Nachsorge.
Quellen
- Nieman LK, et al. The Diagnosis of Cushing's Syndrome: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline (2008) — academic.oup.com
- Nieman LK, et al. Treatment of Cushing's Syndrome: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline (2015) — academic.oup.com
- Fleseriu M, et al. Consensus on diagnosis and management of Cushing's disease — Pituitary Society (2021) — thelancet.com
- Fassnacht M, et al. ESE/ENSAT Adrenal Incidentaloma Guidelines (2023) — academic.oup.com
Medizinische Begutachtung

Dr. Marinos Vasilas, Urologe — Androloge
Dr. Marinos Vasilas leitet die urologisch-chirurgische Versorgung von Patienten mit adrenalem Cushing-Syndrom und MACS, in enger Zusammenarbeit mit Endokrinologie, Hypophysen-Neurochirurgie und Intensivmedizin für ein sicheres perioperatives Steroidmanagement.
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