Mein klinischer Ansatz
Das Conn-Syndrom ist eine der am meisten unterdiagnostizierten, aber gleichzeitig am besten heilbaren Hypertonieformen. Viele Patienten leben jahrelang mit therapieresistenter Hypertonie, ohne dass jemand an einen ARR denkt — ein einziger Screening-Test kann den gesamten klinischen Verlauf verändern.
In meiner Praxis folge ich drei Prinzipien gemäß der Endocrine-Society-Leitlinie 2016:
- Breit screenen — jeder Patient mit therapieresistenter Hypertonie, Hypokaliämie oder Nebenniereninzidentalom verdient einen ARR.
- Vor der Lokalisierung bestätigen — ein positiver ARR allein ist keine Diagnose. Suppressionstests verhindern unnötige Eingriffe.
- Auf AVS bestehen bei chirurgischen Kandidaten — Nebennieren-CT allein klassifiziert bis zu 38% der Patienten falsch.
Was ist das Conn-Syndrom?
Erstmals 1955 von Jerome Conn beschrieben, entsteht der primäre Hyperaldosteronismus durch autonome Überproduktion von Aldosteron unabhängig von Renin. Die zwei Hauptsubtypen:
Unilaterales APA (~30-40%)
Aldosteronproduzierendes Adenom — einzelner Nebennierentumor. Chirurgisch heilbar.
Bilaterales IHA (~60-70%)
Idiopathischer Hyperaldosteronismus — bilaterale Nebennierenhyperplasie. Medikamentöse Therapie.
Familiärer PA (selten)
Typ I (glukokortikoidsupprimierbar), Typ II, III, IV — vererbte Formen.
Nebennierenkarzinom (selten)
Aldosteronproduzierendes Karzinom — selten, aber wichtig auszuschließen.
Epidemiologie und kardiovaskuläres Risiko
PA-Prävalenz: ~5-10% aller Hypertoniker, ~20% der therapieresistenten Hypertoniker. Aktuelle populationsbasierte Studien zeigen, dass die wahre Prävalenz noch höher sein könnte und PA die häufigste identifizierbare Hypertonieursache darstellt.
Entscheidend: Unbehandelter PA verursacht bei vergleichbaren Blutdruckwerten mehr kardiovaskulären Schaden als die essenzielle Hypertonie. Patienten haben höhere Raten an Schlaganfall, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt, chronischer Niereninsuffizienz und metabolischem Syndrom — unabhängig von der Blutdruckkontrolle.
Symptome und Verdachtsdiagnose
- Therapieresistente Hypertonie (≥ 3 Antihypertensiva).
- Spontane oder diuretikainduzierte Hypokaliämie.
- Muskelschwäche, Krämpfe, Parästhesien.
- Polyurie, Nykturie, Polydipsie.
- Müdigkeit, Kopfschmerzen, Palpitationen.
- Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern, ventrikuläre Extrasystolen).
Wichtig: Bis zu 50% der Patienten mit PA haben bei Diagnose normale Serumkaliumwerte. Normokaliämie schließt PA NICHT aus.
Screening — Aldosteron-Renin-Quotient (ARR)
Der ARR ist der Screening-Test der Wahl. Durchführung morgens, nach mindestens 2 h Mobilisation und 5-15 min Sitzen. Hypokaliämie muss zuvor korrigiert werden.
- Spironolacton, Eplerenon, Amilorid, Triamteren, hochdosierte Diuretika > 4 Wochen vor dem Test absetzen.
- Andere Antihypertensiva (Betablocker, ACE-Hemmer, ARB, Kalziumantagonisten) können meist fortgeführt werden, mit angepasster Interpretation.
- Bei kritischer Interpretation: temporärer Wechsel auf Verapamil SR, Hydralazin oder Alphablocker.
Bestätigungstests
Ein positiver ARR muss vor Subtypisierung oder Operation bestätigt werden. Vier Optionen:
Kochsalzinfusionstest
2 L 0,9% NaCl IV über 4 h. Aldosteron > 10 ng/dL post-Infusion bestätigt PA.
Orale Natriumbelastung
6 g/Tag NaCl über 3 Tage; 24-h-Urinaldosteron > 12 μg/24 h bestätigt PA.
Fludrokortisonsuppression
0,1 mg q6h × 4 Tage mit Natriumsupplementation. Hochpräzise, aber stationär.
Captopril-Test
25-50 mg Captopril; Aldosteron supprimiert nicht > 30%. Ambulant einfacher.
Subtypisierung — CT und AVS
Nebennieren-CT
Erste Bildgebungsmethode. Identifiziert Adenome, Hyperplasie oder verdächtige große Läsionen. Allerdings: CT allein klassifiziert bis zu 38% der Patienten falsch (Young et al., Surgery 2004).
Selektive Nebennierenvenenkatheterisierung (AVS)
Goldstandard für die Lateralisierung. Durchführung in spezialisierten Zentren. Kortisolkorrigierte Aldosteronquotienten aus jeder Nebennierenvene vs. V. cava unterscheiden unilaterale von bilateraler Erkrankung. Per Endocrine Society Pflicht für die chirurgische Entscheidungsfindung.
AVS kann bei Patienten < 35 Jahren mit Hypokaliämie, deutlichem Aldosteronüberschuss und eindeutigem unilateralem Adenom im CT entfallen.
Behandlung
Unilaterale Erkrankung — laparoskopische Adrenalektomie
Chirurgische Entfernung der betroffenen Nebenniere ist kurativ für biochemischen PA bei > 90% und führt zu kompletter Blutdrucknormalisierung bei ~37% (PASO-Kriterien). Hypokaliämie remittiert in fast allen Fällen.
Bilaterale Erkrankung — Mineralokortikoidrezeptorantagonisten
First-Line: Spironolacton 12,5-50 mg/Tag (titriert). Second-Line (Nebenwirkungen, v. a. Gynäkomastie): Eplerenon 25-100 mg/Tag. Lebenslange Therapie mit Kalium- und Kreatininkontrolle.
Ergebnisse und Nachsorge
Nach der Operation: Aldosteron, Renin und Kalium nach 1-3 Monaten; Heilungsbewertung nach PASO-Kriterien nach 6-12 Monaten; langfristige Nachsorge von Blutdruck und kardiovaskulären Risikofaktoren. Viele Patienten profitieren weiterhin von antihypertensiver Therapie wegen der Gefäßremodelling durch jahrelange Hypertonie.
Fazit: Das Conn-Syndrom ist häufig, unterdiagnostiziert und oft heilbar. Ein einfacher ARR kann ein Lebensrisiko verändern.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist das Conn-Syndrom?
Das Conn-Syndrom (primärer Hyperaldosteronismus, PA) ist die häufigste Form der sekundären Hypertonie. Es entsteht durch autonome Überproduktion von Aldosteron in der Nebennierenrinde mit Natriumretention, Hypertonie und häufig Hypokaliämie.
Wie häufig ist es?
PA macht 5-10% aller Hypertoniker aus und bis zu 20% der Patienten mit therapieresistenter Hypertonie. Es ist weltweit deutlich unterdiagnostiziert, obwohl es bei vergleichbarem Blutdruck mehr kardiovaskulären und renalen Schaden verursacht als die essenzielle Hypertonie (PASO-Studie, Williams et al., 2017).
Wer sollte gescreent werden?
Per Endocrine-Society-Leitlinie 2016: therapieresistente Hypertonie (≥ 3 Medikamente), Hypertonie mit Hypokaliämie, Hypertonie mit Nebenniereninzidentalom, Hypertonie vor dem 40. Lebensjahr, Hypertonie mit familiärer Schlaganfallanamnese vor 40, hypertensive Verwandte ersten Grades von PA-Patienten.
Welche Tests werden zur Diagnostik genutzt?
Initiales Screening: Aldosteron-Renin-Quotient (ARR). Bestätigung positiver Fälle: Kochsalzbelastungstest, Fludrokortisonsuppressionstest, orale Natriumbelastung oder Captopril-Test. Anschließend Subtypisierung mittels Nebennieren-CT und selektiver Nebennierenvenenkatheterisierung (NVK/AVS).
Was ist die selektive Nebennierenvenenkatheterisierung?
AVS ist der Goldstandard zur Unterscheidung zwischen unilateraler Erkrankung (aldosteronproduzierendes Adenom — APA) und bilateraler Erkrankung (idiopathischer Hyperaldosteronismus — IHA). Kortisolkorrigierte Aldosteronquotienten aus jeder Nebennierenvene vs. Vena cava bestimmen die Lateralisierung. Wird in spezialisierten Zentren durchgeführt.
Was ist die Behandlung?
Bei unilateraler Erkrankung: laparoskopische Adrenalektomie — häufig kurativ für Hypertonie und Hypokaliämie. Bei bilateraler Erkrankung: lebenslange Mineralokortikoidrezeptorantagonisten (Spironolacton oder Eplerenon). Alle Patienten benötigen eine optimale kardiovaskuläre Risikomanagement.
Wird mein Blutdruck nach der Operation normal?
Hypokaliämie normalisiert sich in fast 100% der Fälle. Komplette Blutdrucknormalisierung bei ~37% (PASO-Kriterien); biochemische Heilung bei > 90%. Junges Alter, kurze Hypertoniedauer, weibliches Geschlecht und niedriger BMI sagen vollständigen klinischen Erfolg voraus.
Was passiert bei unbehandeltem PA?
Unbehandelter PA erhöht das Risiko für Schlaganfall, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt und chronische Niereninsuffizienz signifikant — unabhängig vom Blutdruckniveau. Eine gezielte Therapie kehrt einen Großteil dieses Überrisikos um, weshalb die frühe Diagnose entscheidend ist.
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Therapieresistente oder früh auftretende Hypertonie verdient ein Screening auf das Conn-Syndrom. Wir arbeiten eng mit Endokrinologie und interventioneller Radiologie zusammen, um den vollständigen diagnostischen und chirurgischen Pfad anzubieten.
Quellen
- Funder JW, et al. The Management of Primary Aldosteronism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline (2016) — academic.oup.com
- Williams TA, et al. Outcomes after adrenalectomy for unilateral primary aldosteronism (PASO study) — Lancet Diabetes Endocrinol 2017 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Fassnacht M, et al. ESE/ENSAT clinical practice guidelines on the management of adrenal incidentalomas (2023) — academic.oup.com
Medizinische Begutachtung

Dr. Marinos Vasilas, Urologe — Androloge
Dr. Marinos Vasilas arbeitet eng mit Endokrinologie und interventioneller Radiologie zusammen, um die vollständige Versorgung des primären Hyperaldosteronismus anzubieten — vom Screening bis zur laparoskopischen Adrenalektomie und Langzeitnachsorge.
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