Was ist ein Harnröhrendivertikel
Ein Harnröhrendivertikel ist eine Aussackung der Harnröhrenschleimhaut durch eine Schwachstelle in der Muskelwand, die einen mit dem Lumen kommunizierenden Sack bildet. Prävalenz 1–6% bei Frauen, Häufigkeitsgipfel zwischen 30–60 Jahren.
Leach-L/N/S/C3-Klassifikation: Lokalisation (relativ zum Blasenhals), Anzahl, Größe, Konfiguration (einfach/multilokulär/zirkumferentiell).
Ursachen & Pathogenese
Erworben (am häufigsten)
- Rezidivierende Infektion und Obstruktion der Skene-Drüsen (paraurethrale Drüsen) — Abszessbildung mit Ruptur ins Harnröhrenlumen.
- Geburtstrauma: Dehnung und Riss der Harnröhrenwand.
- Iatrogen: vorhergehende urethrale Chirurgie (Sling).
- Chronische Obstruktion: Harnröhrenstenose.
Kongenital (selten)
Paraurethrale Zysten mit sekundärer Kommunikation.
Symptome — Die 3 Ds
- Dysurie: Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen.
- Dyspareunie: Schmerzen beim Geschlechtsverkehr — lokalisiert an der vorderen Vaginalwand.
- Dribbling: postmiktionelles Nachträufeln — verursacht durch Entleerung des Divertikels.
Zusätzliche Merkmale:
- Rezidivierende Harnwegsinfekte (50–80%).
- Tastbare Masse an der vorderen Vaginalwand.
- Eiter oder Blut aus der Harnröhre bei Druck.
- Chronischer Beckenschmerz.
- Hämaturie.
- Harninkontinenz (irritativ).
Diagnose
1. Klinische Untersuchung
Vaginale Untersuchung mit Palpation der Vorderwand — Masse, Druckempfindlichkeit, Eiteraustritt aus der Harnröhre bei Kompression.
2. Becken-MRT mit endovaginaler Spule
Goldstandard. Zeigt das Divertikel, dessen Hals, Ausdehnung (einfach/multilokulär/zirkumferentiell), Beziehung zum Sphinkter sowie eventuelle Steine oder Malignität im Inneren.
3. Zystourethroskopie
Identifiziert das Divertikelostium — hilfreich bei der präoperativen Planung.
4. Doppelballon-Urethrographie
Ältere Methode — weitgehend durch MRT ersetzt.
5. Urodynamik
Bei Verdacht auf begleitende Belastungsinkontinenz.
Behandlung
Transvaginale Divertikelektomie
Therapie der Wahl. 3-Schicht-Technik:
- Schicht 1: Rekonstruktion der Harnröhrenschleimhaut mit resorbierbarem 4-0 Vicryl.
- Schicht 2: periurethrale Faszie.
- Schicht 3: Vaginalwand — mit versetzten Inzisionen zur Vermeidung übereinanderliegender Nahtreihen (verringert Fistelrisiko).
Bei großen oder rezidivierenden Divertikeln: Interposition eines Martius-Lappens (Fettpolster der Schamlippe) oder Vaginalwandlappens.
Perioperativ: Dauerkatheter 14–21 Tage, suprapubische Zystostomie in ausgewählten Fällen.
Konservativer Ansatz
Nur bei asymptomatischen kleinen Divertikeln (<1 cm) bei älteren Risikopatientinnen: Beobachtung + Antibiotika bei HWI-Schüben.
Komplikationen & Prognose
- Divertikel-Rezidiv (5–15%).
- Urethrovaginale Fistel (5–10%) — durch Martius-Lappen in komplexen Fällen vermeidbar.
- De-novo-Harninkontinenz (5–10%) — durch Sphinktertrauma.
- Harnröhrenstriktur (1–3%).
- Wundinfektion (1–5%).
- Postoperativer chronischer Schmerz.
Prognose: Symptomauflösung >90% in Spezialzentren.
Malignitätsrisiko: ~6% Adenokarzinom (klarzellig, intestinaler Typ, urothelial). Immer histopathologische Untersuchung.
Häufige Fragen
Was ist ein Harnröhrendivertikel?
Eine sackartige Aussackung der Harnröhrenschleimhaut mit Verbindung zum Harnröhrenlumen. Hauptsächlich bei Frauen (1–6%), selten bei Männern. Entsteht meist aus verstopften und infizierten Skene-Drüsen.
Welche Symptome treten auf (die 3 Ds)?
Klassische Trias: Dysurie (Brennen), Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), postmiktionelles Nachträufeln. Zudem: rezidivierende Harnwegsinfekte, tastbare vordere Vaginalmasse.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Goldstandard: Becken-MRT mit endovaginaler Spule — zeigt präzise das Divertikel, dessen Hals und Beziehung zum Sphinkter. Ergänzend: Zystoskopie, Urethrographie.
Wie ist die Behandlung?
Transvaginale Divertikelektomie mit 3-schichtigem Verschluss (Martius-Lappen in ausgewählten komplexen Fällen). Konservative Beobachtung nur bei asymptomatischen kleinen Divertikeln.
Besteht ein Krebsrisiko?
Ja — etwa 6% Risiko für maligne Entartung, hauptsächlich klarzelliges Adenokarzinom. Histopathologie ist für jedes exzidierte Divertikel obligatorisch.
Fazit
Das Harnröhrendivertikel ist eine häufig übersehene Ursache chronischer Symptome bei Frauen. Becken-MRT mit endovaginaler Spule und transvaginale Divertikelektomie liefern eine definitive Behandlung mit hervorragenden Ergebnissen.
Wissenschaftliche Quellen
- EAU Guidelines on Female Urology 2024 — uroweb.org
- Leach GE et al. L/N/S/C3 Classification of female urethral diverticula. Neurourol Urodyn 1993.
- Rovner ES. Urethral diverticula: a diagnostic dilemma. Curr Urol Rep 2003.
- Thomas AA et al. Urethral diverticula in 90 female patients: a study with emphasis on neoplastic alterations. J Urol 2008.
Lernen Sie den Arzt kennen

Dr. Marinos Vasilas, Urologe – Androloge
Spezialist für weibliche urologische Chirurgie — transvaginale Divertikelektomie mit 3-Schicht-Verschluss und Martius-Lappen.
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